China treibt im Südosten Tibets ein Wasserkraftprojekt voran, das nach offiziellen Angaben und übereinstimmenden Medienberichten zum größten der Welt werden soll.
Geplant sind fünf hintereinander angeordnete Kraftwerke im Unterlauf des in Tibet Yarlung Tsangpo genannten Flusses. Er schneidet sich durch eine der unzugänglichsten Gebirgslandschaften ganz Asiens, bildet so den Yarlung Tsangpo Canyon und fließt stromabwärts vor allem als Brahmaputra, aber auch als Dihang, Siang sowie Jamuna weiter und mündet als Meghna in den indischen Ozean.
Die erwartete Jahresproduktion liegt bei rund 300 Milliarden Kilowattstunden Strom. Damit würde das Vorhaben selbst den Drei-Schluchten-Damm
übertreffen, der bislang als größtes Wasserkraftwerk der Welt gilt.
Die installierte Gesamtleistung des Projekts soll 70 Gigawatt betragen. Das Kraftwerk an der Drei-Schluchten-Talsperre bringt es im Vergleich auf etwa ein Drittel davon – 22,5 Gigawatt.
Mehr als nur Energiepolitik
Das Vorhaben ist deshalb nicht einfach nur ein weiteres Kraftwerksprojekt, wie sie im Reich der Mitte gerade zuhauf entstehen. Es steht exemplarisch für Chinas Machtanspruch und einen politischen Zugriff auf die Natur, der selbst extremes Gelände noch als nutzbaren Raum begreift.
Wo andere im tibetischen Hochland vor allem Höhe, Weite und Unzugänglichkeit sehen, erkennt Peking Fallhöhe, Durchfluss und Kilowattstunden.
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Der Yarlung Tsangpo ist in dieser Sichtweise kein entlegener Fluss mehr, sondern eine bislang ungenutzte Energiequelle. Immerhin zählt er mit Blick auf die mittlere geführte Wassermenge von rund 22.000 Kubikmetern pro Sekunde zu den mächtigsten Strömen Asiens.
Der Baustart im Sommer 2025 hatte deshalb nicht nur technische, sondern auch politische Signalwirkung.
Wann genau der Mega-Damm fertig sein soll, hat die chinesische Führung bislang nicht mitgeteilt. Klar scheint nur: Die Bauphase dürfte bei einem Projekt dieser Dimension mindestens auf ein Jahrzehnt ausgelegt sein. Der Start der Stromproduktion ist daher erst in den späten 2030er-Jahren zu erwarten.
Ökologisch und geologisch riskant
Gleichzeitig ist der Himalaya keine normale Landschaft. Das Gebiet ist aus ökologischer Sicht besonders sensibel, und vor allem tektonisch heikel.
Denn Tibet wurde erst Anfang 2025 von einem Erdbeben der Stärke 6,8 getroffen. Regionale Behörden meldeten damals Schäden an Wasserreservoirs, darunter Risse an fünf von 14 inspizierten Stauanlagen. Das verdeutlicht, wie schmal der Grat zwischen Machbarkeit und technischem Übermut sein kann.
Wer in einer solchen Landschaft ein Jahrhundertprojekt errichtet, baut nicht nur gegen die Natur, sondern auch im Schatten enormer geologischer Kräfte.
Der Yarlung Tsangpo als geopolitische Frage
Der Yarlung Tsangpo ist nicht nur ein tibetischer und damit chinesischer Fluss. Stromabwärts wird er zu einer wichtigen Lebensader für Bangladesch und Indien. Es überrascht daher kaum, dass Neu-Delhi seine Sorgen bereits offiziell in Peking vorgetragen hat. Dieser Schritt zeigt aber auch, worum es neben der Stromgewinnung gehen dürfte: um Einfluss, Kontrolle und womöglich Abhängigkeit.
China beteuert zwar, dass die Auswirkungen auf die Nachbarstaaten begrenzt sein werden, doch in Indien wachsen die Sorgen um einen Konflikt um Wasser. Außerdem herrscht seit Jahren ein angespanntes Klima in der Region. Im Kern geht es dabei um den ungeklärten Grenzverlauf zwischen China und Indien im Himalaya.
Allein die Existenz des Mega-Damms verändert das Machtgefüge am Fluss. Offensichtlich ist: Wer am Oberlauf des Brahmaputra baut (und damit am Unterlauf des Yarlung Tsangpo), baut immer auch ein Stück weit an politischen Verhältnissen.
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Ein Projekt mit Symbolkraft
Der geplante Yarlung-Tsangpo-Damm erzählt damit schon jetzt eine größere Geschichte.
Nicht nur die von Turbinen, Beton und Strom, sondern die von einem Staat, der selbst in einer entlegenen Schlucht am Rande des Himalaya noch Infrastruktur, Kontrolle und strategischen Nutzen erkennt.
Wo andere ein unzugängliches Gebirge und einen wilden Fluss sehen, sieht China vor allem eines: Raum für Ausbau.

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